© alle Fotos (außer wenn gesondert angegeben): Hans Wetzelsdorfer

 

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„GEFALLEN IN EUROPA“

(work in progress seit 2014)

 

Man kann Hans Wetzelsdorfers Serie Gefallen in Europa getrost als Fallstudie bezeichnen, und das ist kein Witz. Der Künstler bezieht sich dabei auf ein Wort, das wohl allen EuropäerInnen ein Begriff ist: in seiner verharmlosenden Verwendung auf Kriegerdenkmälern bezeichnet es das Zu-Tode-Kommen von Millionen von Individuen auf den europäischen Schlachtfeldern der beiden Weltkriege. Es verschleiert die Qual, den Schmerz und das Leid, das in seiner multiplizierten Intensität wohl nicht auszuhalten wäre, würde man ein entsprechendes Wort dafür finden.

 

Dennoch kann man die Truppenbewegungen dieser Kriege völlig richtig auch als extensive Migrationsbewegungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen. Die Mehrzahl der Männer, die als Soldaten ganz Europa „bereisten“, wäre ohne diese Anlassfälle wohl nicht über die engen Grenzen ihrer eigenen Heimat hinausgekommen. Die Europäische Union als neues geeintes Europa – von ihren Konstrukteuren gerne als das Friedensprojekt bezeichnet – brachte mit der Aufhebung der Grenzen und der Reisefreiheit eine neue große Wanderbewegung hervor: die Arbeitsmigration. Von neuem sind Hunderttausende von Individuen unterwegs auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen. Es gibt diejenigen, die das erreichen. Viele aber scheitern. Sie fallen.

 

Hans Wetzelsdorfer nimmt das beim Wort. Er bittet Menschen, die er auf seinen Reisen trifft, dort, wo sie sonst gehen und stehen, zu fallen. So werden sie zu Hinfälligen, die als solche abgelichtet werden. Dass dabei die Umgebung keinerlei Rückschluss zulässt, wo in Europa diese Fälle stattfinden, verweist zusätzlich auf die Orientierungs- und Ortlosigkeit, die mit der neuen migrantischen Lebensform einhergehen. In aller Einfachheit und Präzision eines visualisierten Sprachspiels legt Hans Wetzelsdorfer bloß, wie schwer es ist Halt zu finden in einer Welt, die durch zunehmende Standardisierung den Menschen ihrer Individualitäten – und damit Identitäten – beraubt.

Martin Breindl, März 2014

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