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Peter Zawrel

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Misstraue der Idylle“, FLUSS Wolkersdorf 24. Juni 2022

 

Was ist Idylle?

„Die Sinnlichkeit eines Chypre und die innige Facette des weißen Moschus verbinden sich mit einem Blumenbouquet, das als klassisches Symbol für eine Liebeserklärung steht. So verleiht Thierry Wasser einem romantischen und lustvollen Begriff von Idylle Ausdruck.“

Thierry Wasser, der Parfumeur des Hauses GUERLAIN, hat für das Parfum „Idylle“ „sorgsam die besten bulgarischen Rosen ausgewählt. Sie werden in den Tälern Bulgariens bei Sonnenaufgang von Hand gepflückt. Der daraus komponierte Verschnitt verströmt einen einzigartigen, fruchtigen Duft mit Anklängen von Himbeere und Litschi.“

Den Gegenentwurf zum Parfum finden wir bei André Heller:

„Misstraue der Idylle / Sie ist ein Mörderstück – / Schlägst du dich auf ihre Seite / Schlägt sie dich zurück!“

 

(…)

 

Präparaten, die von der Natur selbst geschaffen wurden, widmet sich Hans Wetzelsdorfer. Behausungen, die sich Tiere bauen, gehören zu den komplexesten Gebilden, die es in der Natur überhaupt gibt. Wer jemals das Nest einer Beutelmeise entdeckt hat, wird sicherlich aus dem Staunen nicht herausgekommen sein. Wir vermenschlichen solche genetisch kodierten Leistungen gerne, indem wir sie als „kunstvoll“ bezeichnen. Aber das Tier kann nicht anders als es tut, es folgt einem aus der Evolution abgeleiteten Bauplan.

Auch Menschen bauen sich ihre „Nester“, und gerne übertragen wir unsere Metaphern von Gemütlichkeit und Geborgenheit zurück auf die wirklichen Nester. Wie uns die fotografischen Aufsichten aber zeigen, besteht deren Inhalt zuletzt aus Scheiße, Federn, Essensresten und anderem, das wir nicht kennen wollen, denn Vogelnester sind Aufzuchtstätten, in denen auch Mord und Totschlag zum Alltag gehört, Verhungern und Ausgestoßen werden.

Im Internet gibt es inzwischen genügend Videomaterial von versteckten Mikrokameras, die uns das echte Leben in den Nestern zeigen. Es gibt menschliche „Nester“, in denen es nicht anders zugeht.

Anders verhält es sich mit den Kinderstuben von Insekten wie zum Beispiel der Gallwespen, die uns Wetzelsdorfer hier zeigt. Wir können nicht hineinblicken. Aber wir wissen, dass es sich um eine Art Tumor der angestochenen Pflanze handelt, von der sich die Larven ernähren. Und wir wissen, dass diese merkwürdigen Gebilde noch ein anderes Geheimnis bergen, dessen Entdeckung durch den Menschen mir immer schon rätselhaft erschien.

 

Denn seit der Spätantike ist der in den Pflanzengallen enthaltene Gerbstoff wichtigste Grundlage für die Herstellung von Eisengallustinte, die auch heute noch aus einigen exklusiven Füllhaltern aufs Papier fließt. Dummerweise führt diese Tinte aber auch langfristig zum Tintenfraß, also der Vernichtung des beschriebenen Papiers, genau dort, wo es beschrieben wurde, was allen Liebhabern von Johann Sebastian Bach bekannt sein dürfte. Nur Pergament kann die Gallustinte nichts anhaben.

Andernfalls wäre der größere Teil von Überlieferungen der uns bekannten Geschichte, Literatur und Kultur vernichtet. Nehmen Sie diesen Gedanken als meinen eigenen kleinen Beitrag zu dieser Ausstellung, die zwischen Werden und Vergehen von Natur, Kultur und unseren Bildern davon changiert.

 

(...)



Text: Peter Zawrel, Kulturmanager

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